24.10.98                                                       

Die Musikgruppe "Marshall Brainstorm" und ihr eigenwilliges Programm: Auch kein Konzept ist irgendwie ein Konzept

Fröhliche Schmalzstimmen ohne jeglichen Ernst

Mit Country-Versionen bekannt geworden - Möglichst schräge Auftrittsorte - "Kaufhausjazz" und "Variete" - Konzert als Protest?

FORCHHEIM - Die großen Cowboyhüte fehlen, es zieren auch keine Lederfransen die Jacken und eigentlich sind sie ein wenig jung, um Country-Musik gut zu finden. Doch die vier von "Marshall Brainstorm" haben die etwas belächelte uramerikanische Musikrichtung zum Kult erhoben. Rezept: schräge Versionen bekannter Lieder und noch schrägere Auftrittsorte. "Country bleibt halt hängen." Gitarrist Gunther Siegel - im wirklichen Leben Steinmetz - ist ein wenig ratlos, warum Marshall Brainstorm als Country-Band gilt. "Wir spielen doch viele andere Sachen." Oder anders ausgedrückt: Gespielt wird so ziemlich alles, was den vieren Spass macht. Bei dieser Philosophie darf auf Serge Gainsbourgs hingehauchtes "Je t'aime" ein Grölstück der Heavy-Metal-Barid Motörhead folgen. Dem meist jugendlichen Publikum gefällt's. Country-Band oder nicht: Schmalzige Stimmen und die Steel-Guitar prägen unverkennbar viele der Stücke.

"Nehmen uns nicht so ernst"
Auf ihre Konzeptlosigkeit sind die vier geradezu stolz und kultivieren sie seit der Band-Gründung 1995. Offizieller Titel des fröhlichen Stil-Chaos:
"Country-Kaufhausjazz-Speedmetal-Variete allemand". Olli Lotz, Student und Spezialist an der Steel-Guitar, meint: "Wir nehmen uns nicht so ernst wie andere Gruppen." Marshall Brainstorm wollte nie Erfolg haben, es gehe eben "nur um den Spaß". Mit dem Spass ist jetzt trotzdem der Erfolg gekommen. Wo die drei Franken Gunther, Matthias (Schlagzeug) und Olli (alle 25 Jahre alt) samt Exil-Franzose Thierry (34) aus Le Perreux derzeit spielen, kommen die Fans in Scharen. Konzerte sprechen sich rasch herum. Um Auftritte muß sich Marshall Brainstorm inzwischen nicht mehr kümmern. Anfragen gibt es genug. Manchmal erscheint "Marshall Brainstorm" auch zum Konzert, obwohl sie niemand geordert hat. Besonderen Spass gemacht hat ein Auftritt auf dem brachliegenden Gottla-Keller waehrend des vergangenen Annafestes (wir berichteten). Gunther erhöht das spontane Konzert zum Protest gegen ein ihrer Meinung nach langweiliges Musikprogramm: "Auf dem Annafest spielen immer die gleichen Bands." Es wurmt die Musiker, daß die Wirte sie bisher nicht so recht akzeptiert haben. Sie galten lange als "Popel-Schulband" (Gunther), weil sie sich am Ehrenbürg-Gymnasium zusammengefunden hatten. Damals nannten sie sich noch etwas martialisch "Die Nibelungen".


"Marshall Brainstorm" im Einsatz: (v. Ii.) Thierry, Matthias, Gunther und OIIi im "Schlössla". Foto:Huber

Hauptgruppe auf dem Altstadtfest?
Daß die Nachfolger-Gruppe kein Geheimtip mehr ist, bewies das Nachtund- Nebel-Konzert im Kellerwald. Dank Mundpropaganda waren mehr als 200 Zuhörer, gekommen. Das mit der Akzeptanz hat sich prompt geändert: Auf dem Altstadtfest gab Marshall Brainstorm in diesem Jahr ein erstes Gastspiel. Nächstes Jahr soll es noch besser kommen: Die vier sind als Hauptgruppe im Gespraech. Über ihren französischen Kontrabassisten Thierry kam Marshall Brainstorm bereits zu Auftritten in Frankreich, kürzlich spielte die Forchheimer Gruppe auf einem Open Air in der Nähe von Karlsbad (Tschechien). Weil solche Konzerte ja recht normal sind, mußte danach wieder etwas fürs Image der ein wenig Verrückten getan werden. Anfang Oktober wurde in die Forchheimer Kneipe "Schlössla" geladen, bislang eher nicht bekannt für Konzerte. In Unterlindelbach hatte sich Marshall Brainstorm ins Kerwa-Programm gemogelt. Der nächste Auftritt führt am 31. Oktober nach Schesslitz - Bühne wird dieses Mal ein Harley-Davidson-Geschaeft sein.

Marshall Brainstorm wird dem Konzept der Konzeptlosigkeit wohl treu bleiben. Ausflüge in die etablierte Konzertszene verliefen ernüchternd. Im Nuernberger Hirsch war ein Auftritt mit dem modischen Etikett "easy listening" versehen worden - und war prompt "super Scheiße", wie sich Olli erinnert. Dann lieber noch einmal nach Tschechien, dort war es schöner. "Die haben grausame Instrumente, können aber tierisch gut spielen", lobt Olli die Kollegen aus dem Osten. Und zur Not geht's auch ohne Instrumente: ,"Singen können wir", grinst Gunther.

Von Georg Körfgen

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