18.12.1999

Marshall Brainstorm und der reine Wahnsinn

Die Lokal-Stars samt Fans im Taumel beim grandiosen "Megallenium"-Konzert - Mit dabei: "Die Original Krottenthaler" und "Dynacord 57"

Es ist Samstagmorgen, 0.37 Uhr, und im Kronengarten bricht gerade der Wahnsinn aus. Um 0.37 Uhr holt sich die Forchheimer Kultband "Marshall Brainstorm" einen Punk vom Saal auf die Bühne und der singt "Ace of Spades". Die Gruppe spielt dieses Lied von Motörhead in der Instrumentierung Gitarre-Gitarre-Schlagzeug-Kontrabass. Nichts ist danach mehr wie es vorher war. Vorher war es bereits ein grandioser Konzertabend, danach ist es kein Konzert mehr, danach ist es manifest gewordene Gegenkultur, danach ist es Taumel, danach sind es schwitzende, tanzende, zuckende Leiber, es ist nur noch Bewegung und Töne und Bier und zukunftsloser vergangenheitsioser Moment.

In den Strahlenbündeln der Scheinwerfer stehend sehen die Musiker aus, als ob sie gerade von irgendwoher, von "Outer Space" gelandet seien. Auf das ultraharte "Ace of Spades" folgt die Superschnulze "Dreams". Alles dürfen sie, Olli Lotz, Gunter Siegel, Matthias Trykowski und Thierry Roussel an diesem Abend, die Normalität ist aufgehoben, alles ist möglich. Thierry Roussel stellt den Kontrabass auf den Boden, steigt in die Aussparung an der Seite, streckt den anderen Fuß noch weit weg von sich und balanciert und spielt.

Stoisch auf der Bühne
Stoisch stehend spielen Lotz und Siegel ihre Parts, nur die Finger jagen übers Griffbrett, kein Gesichtsmuskel regt sich, wenn der Maniac neben ihnen den Kontrabass plötzlich im Liegen spielt, sich dann auf ihn drauflegt und spielt und spielt und spielt. "Stayin' alive" als eine Art Johnny Cash meets Rockabilly, "Purple Rain" als Countrynummer - sie dürfen und können einfach alles. Das also ist die Mischung aus "Country, Kaufhausjazz und Speedmetal Variete" (Roussel). Das also ist der Hexenkessel des Lebens, wenigstens einmal zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen.

Den Anfang des vom Verein Forchheimer Musiker Megafon organisierten "Megallenniums", dessen filminanter Schluss oben beschrieben ist, machte die Band "Dynacord 57", die bei der diesjährigen NN-Rockbühne einen beachtlichen zweiten Platz erringen konnte. Die Musik der Band, eine Art mit Noise-Anleihen radikalisierter Grunge wird vor allem von Schlagzeuger Robert Heinze vorangetrieben.

Der verlangt erbarmungslos alles von sich und dem Rest der Gruppe und erzeugt an seinem Minigerät ein mörderisch peitschendes Stakkato. Auf das Spiel der Drums und des Basses legen die beiden Gitarristen Patrick Bäthge und Hagen Weissig ihre mahlende Gitarrensäge, singt Weissig mit einer wie extra für diesen Stil geschaffenen Stimme. Wohin die Reise bei "Dynacord 57" geht, steht vom ersten Lied an fest. Kompromisslos verfolgt die Band ihre musikalische Linie, die allerdings für ein ganzes Konzert noch nicht trägt. Irgendwann wirkt das alles nurmehr selbstreferenziell, breiig, laut und langweilig.

Die Szene brodelt
Man will es kaum glauben, doch man sagt mir, dass in Forchheim die Szene im Moment stärker brodelt als in Nürnberg. Fakt ist, dass eine Menge junger Bands energiegeladen und selbstbewusst ans Tages bzw. ins Rampenlicht drängen. Was im übrigen den Etablierteren den nötigen Kick gibt, weiterhin alles zu geben, um dem Nachwuchs zu zeigen, wo der Hammer hängt - siehe "Marshall Brainstorm". Zur jungen Garde gehört auch die dritte Band am Megallenniumsabend: "Die Original Krottenthaler" sind - man glaubt es kaum sieht man die Tracht, erlebt man die bis zum Exzess persiflierte bayerische Bierdimpfeligkeit und vor allem, lauscht man dem Dialekt des charismatischen Frontmanns David Saam - doch es ist wohl doch wahr, zwei von einander unabhängige Quellen bestätigen es: "Die Original Krottenthaler" sind eine Forchheimer Band.

Die mit der nötigen Prise Glück eine ganz große Zukunft haben düfte, so sehr man sich mit solchen Prognosen ja immer aus dem Fenster lehnt. Denn die Idee, bekanntes Liedgut von Chartbreakern bis hin zu Iggy Pop mit bitterbößen satirischen Texten zu unterlegen und das alles auch noch höchst eigenwillig mit zusätzlichem Akkordeon und Geigen zu instrumentieren, diese Idee hat etwas höchst Eigenständiges, sie ist witzig, musikalisch überzeugend.

Man kann dazu schunkeln oder mit dem Handy telefonieren, eine Tänzerin konnte sogar beides gleichzeitig. Kurz und gut: "Die Original Krottenthaler" sind Klasse.

Hoffentlich kreuzigt man Texter David Saam im erzkonzservativen Oberfranken nicht, bevor die erste CD fertiggestellt ist, für Zeilen wie "Gebt's mer a Moaß Freibier, dann wähi i CSU (...) Dann brauch mix mehr denga, des macha die für mi." Es ist erstaunlich, aber hört man Musik wie die der "Original Krottenthaler", dann fällt auf, welch' große musikalische Lücke in diesem Genre die Generation hinterlassen hat, die sich die 30 von der falschen Seite her anschaut. "Roll over Beethoven" hieß es dereinst und es scheint, dass eine junge Musikergeneration in den Startlöchern steht, über die verpimpelten Dreißiger Karrierehengste zu rollen.

Auf der anderen Seite stehen die alten Cracks und zeigen nochmal richtig, wo der Bartel den Most holt. Wer da dazwischen steht, 0 weia. Warm anziehen und sich freuen auf spannende Zeiten!

An Tonträgern haben im Moment allein "Marshall Brainstorm" etwas vorliegen, "Savoir vivre" heißt deren CD.

Alexander J. Wahl

Ihre Auftritte sind "Kult", auch wenn sie diesen Begriff selbst nicht schätzen: "Marshall Brainstorm". Foto: Wahl

 

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