25. April 2005 Nordbayerische Nachrichten
 

Punkrebellion mit Chansons in den Kofferraum gesperrt
 
„Marshall Brainstorm“ feiert mit musikalischen Freunden und Gästen ihre CD „Trivial“ – Reizvolle dreisprachige Texte
 

Thierry Roussel bei der schweißreibenden Arbeit der CD-Vorstellung in der Weber & Ott-Halle, Foto: Ralf Rödel

Guter Wein muss bekanntlich reifen, ehe er groß wird. Nach dem Anhören der ersten „offiziellen“ CD der Forchheimer Kultformation „Marshall Brainstorm“ ist man geneigt, dies auch für Musikgruppen anzunehmen. Denn Zeit gelassen haben sich Gunther Siegel (git), Olli Lotz (git), Thierry Roussel (b) und Matze Trykowski für „Trivial“ fürwahr: Immerhin vermerkt die Band-Info bereits den dritten Dienstag des März 1995 als Gründungsdatum. Die offizielle CD-Release-Concert-Party fand in einer der alten Weber & Ott-Hallen statt, wo zur Annafestzeit die „AnnAnAcht“ tobt. Für „Marshall Brainstorm“, die zusammen mit „Fred Newman“, „ernie’s tale“ und „Geee le Fonque“ vor 400 Gästen auftraten, war es sozusagen ein Heimspiel in der eigenen guten Stube.

Seit der Gründung ist viel Wasser die Wiesent herabgeflossen, hat die Formation mit sicherem Gespür für das Unerwartete für legendäre (Konzert-)Momente nicht nur im Forchheimer Raum gesorgt. Dass in all den Jahren aber nicht nur geschrammelt wurde, was das Zeug hielt, dass man nicht nur keinen skurrilen Auftrittsort scheute - sei es als Outdoor-Act beim „Elefantentreffen“, dem wohl härtesten Motorradtreffen der Welt im Winter im Bayerischen Wald, oder sei es als Retter einer einheimischen Dönerbude aus finanzieller Not –, dass man nicht nur Instrumente auf der Bühne zerlegte und alles auf dieselbe brachte, was zwischen Rock der wüstesten Art und unverbindlichem Countryjingeling Platz hatte, ja dass man neben all diesen Sachen an seinem eigenen künstlerischen Ausdruck feilte, davon legt „Trivial“ Zeugnis ab.

Nicht umsonst hat sich „Marshall Brainstorm“ zu einem gefragten Exportartikel entwickelt. Als Gewinner des landesweiten „Emergenza Acoustic Wettbewerbs 2003“ reisten sie als deutsche Vertreter zum internationalen Finale in Paris, beim „Emergenza Rockfestival 2003“ wurden sie Publikumssieger in Oberfranken, bei der „Tourfactory ’02“ der Volkswagen Soundfoundation schafften sie es unter die Top 20 von über 1000 Teilnehmern. „Marshall Brainstorm“ haben sich ihren Kultstatus hart erarbeitet, wirken aber auf der Bühne gut gelaunt, spitzbübisch, wie die Hobbyband von nebenan. Seit jeher gefällt sich die Band darin, auf der Suche nach ihrem eigenen Stil keinerlei Stilgrenzen zu respektieren, sich freizügig von Chanson bis Avantgarde, von Country bis Rock überall zu bedienen. Es ist eine Vielfalt von Aromen, aus denen die Individualität des Ganzen entsteht. Es ist diese Vielfalt, immer wieder angefacht durch eine kaum zu stillende künstlerische Neugier, die einen „Trivial“ als so typisch für „Marshall Brainstorm“ empfinden lässt, ohne dass man zu sagen vermag, wo das Ganze stilistisch zu verorten sei. „Musikalische Versatzstücke aus einem schwarz-weißen Gangsterfilm heften sich an die Verse kunterbunter Zirkusmelodien. Polkaverschwitzte Beats schmiegen sich an wohlduftende Swing-Rhythmen. Psychopathische Punkrebellion wird mit schnoddrigem Chansongesang in den Kofferraum gesperrt.“ So charakterisiert die Band selbst ihre Musik.

„Trivial“ führt uns musikalisch durch die Gefilde der deutschen Szene der Prä-Hauptsache-Frontfrau-Pop-Ära und nimmt zugleich Avantgardeanleihen, die tanzbaren Country, tanzkurstauglich akzentuierten Rhythmus, düstere Intensität, ins All greifende Gitarre und gepflegte Langeweile, die all das neben und ineinander stellt. Die Skala der Gefühle, die in dieser Musik ihren Ausdruck findet, ist immens. Reizvoll auch die Texte der Band. Dreisprachig erhebt sich „Marshall Brainstorm“ vor allem bei englischen und französischen Werken weit über das, was man sonst im Pop gewohnt ist. 
ALEXANDER J. WAHL
 


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